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Bei ihm wird kein Kind abgeschrieben

16.09.2006, KINZ-Chef Helmut Peters ist dreifacher Vater und schnürt zum 10-Stunden-Lauf die Schuhe

Es ist eine große Sache: 3 500 Mediziner, Krankenschwestern und Pfleger treffen sich an diesem Wochenende beim Kinderärztekongress auf dem Uni-Campus. Einer der drei Kongresspräsidenten ist Dr. Helmut Peters, Chef des Kinderneurologischen Zentrums (KINZ) in Mainz.

Einst war es in Mainz ein geflügeltes Wort. "Wenn du dich nachts herumtreibst", sagten die Alten zu den jungen Frauen, "kommst du zum guten Hirten". Das Kloster "Zum Guten Hirten" war einst, man ahnt es schon, der Ort, wo "gefallene Mädchen" auf die Niederkunft warteten. Die Kinder, die hier geboren wurden, waren unerwünscht und oft genug ungeliebt.
Eine alte Geschichte, und Dr. Helmut Peters erzählt sie mit leisem Lächeln.

Heute steht auf dem alten Klostergelände das Kinderneurologische Zentrum - eröffnet wurde es vor genau 35 Jahren. Peters arbeitet seit 22 Jahren hier; seit zwölf Jahren als Leiter der Einrichtung. Die Kinder, die hierher kommen, mögen schwierig sein, krank oder verhaltensauffällig; aber unerwünscht sind sie nicht.

"Kinder sind mein Metier", sagt Peters schlicht. Wohl wahr. Schon als Kind hat er Kinderarzt werden wollen. Und weil ihn das menschliche Gehirn ebenso faszinierte wie die Psyche, wurde er auch Kinderneurologe und Sozialpädiater. Und manchmal, da ist er sogar ein Anwalt für Kinder. Etwa, als die Behörden es ablehnten, einem kosovo-albanischen Mädchen mit Spina bifida die teure Geh-Schiene zu bezahlen - weil die Erkrankung ja angeboren und nicht erst in Deutschland aufgetreten war. "Ich habe die Auffassung vertreten, dass das Grundrecht auch für ein Kind von Asylbewerbern gilt, und die Lektüre des ersten Artikels im Grundgesetzbuch empfohlen", erklärt Peters. "Für mich gehört zur Würde des Menschen der aufrechte Gang." Das Kind bekam die Schiene.

Er ist also ein Kämpfer, dieser Dr. Peters; aber einer, der Gewalt ablehnt. Auf seinem Schreibtisch liegt ein großer Pflasterstein, der daran gemahnt, wie abstoßend Gewalt ist. "Der flog mal Millimeter an meinem Kopf vorbei", sagt der gebürtige Berliner. Vor vielen Jahren war er in einen Mai-Krawall in Kreuzberg geraten - versehentlich, versteht sich.

Einer der Schwerpunkte des Kongresses ist denn auch die Verhinderung von Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch. "Schlimme Sachen", sagt der Vater von drei Söhnen ("Ich hätte gerne auch eine Tochter gehabt"). Ein weiterer Themenkomplex: ADS, das "Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom". Eine Krankheit, die Peters gar nicht allzu sehr zuwider ist - "weil man sie gut behandeln kann". Der Kinderarzt, der am Montag seinen 55. Geburtstag feiert, hat schon oft beobachten dürfen, welche Veränderungen die richtigen Arzneimittel bei ADS-Kindern bewirken. "Dabei geht es nicht darum, Kinder mit Medikamenten zu Hochleistungen zu bringen. Sondern, ihnen ihr Handicap von den Schultern zu nehmen."

Aber nicht nur medizinische Themen bestimmen den Kinderärzte-Kongress. An diesem Samstag findet ein Zehn-Stunden-Lauf für Kinder statt. Peters schnürt selbstredend seine Laufschuhe. Und legt die Fliege ab, die er zu besonderen Anlässen immer trägt - aus dickem Kunststoff, in dem vier Mensch-ärgere-dich-nicht-Figürchen stecken. "Die hat mir meine Frau geschenkt, als ich 1994 die Leitung des KINZ übernommen habe. Als Erinnerung, dass ich mich nicht so viel ärgern soll."

Dabei, plaudert Peters, sei er gar nicht der Typ, der sich grämt. "Obwohl - über eines kann ich mich schon ärgern: Wenn Kinder von der Gesellschaft abgeschrieben und von Lehrern aufgegeben werden."

Allgemeine Zeitung, 16. September 2006

Dr. Helmut Peters (2.v.r.) bei der Eröffnungspressekonferenz zum Kinderärztekongress in Mainz am 14. September 2006.
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